3 - Das Grobe lockt das Feine

In der ersten Zeit im Atelier war ich noch viel mit räumen beschäftigt. Alles musste seinen praktischen Platz finden. Einmal sah ich beim Fairkauf im 2. Stock im Vorbeigehen einen alten zweiteiligen Küchenschrank stehen, der mich zu rufen schien.  Er hat im oberen Teil verglaste Türen und ist innen voller Farbreste. Es stellte sich heraus, dass er einer Künstlerin gehört hatte, die nun im Altersheim lebt. Leider konnte ich ihren Namen nicht herausfinden, sonst hätte ich sie wissen lassen, dass ihr Schrank wieder einen Platz in einem Atelier gefunden hat und nun meine Farben und Malutensilien beherbergt. Ich gab ihm den Namen César Manrique nach dem spanischen Künstler und Architekten. Seine Arbeit inspiriert mich seit ich im Jahr 2000 erstmals Lanzarote besuchte. Seine klaren, weichen Formen in weiß in der harten dunklen Lavalandschaft, Windspiele aus geschmiedetem schweren Eisen, die sich still und mit Leichtigkeit im Wind drehen, überhaupt sein Mut, groß zu denken, haben mich tief beeindruckt und berühren mich jedes Mal wieder, wenn ich dort bin.

 

Dann gibt es noch Gisela, ein altes Vertiko, nach meiner Mutter benannt, da es ihr gehörte und mit dem ich eine für sie typische Geschichte verbinde. Denn Du musst wissen, dass meine Mutter nicht an einer Ansammlung von Sperrmüll vorbeifahren konnte, ohne heftig auf das Bremspedal zu treten. Es war dann auch völlig egal, wohin sie gerade auf dem Weg war oder wie elegant gekleidet. Als Kind oder Jugendliche ist mir das zugegebenermaßen peinlich gewesen. Tatsächlich hatte sie das Vertiko in den 1980er Jahren einmal spätabends auf der Straße stehen gesehen mitten in anderem Gerümpel, das der Sperrmülldienst am nächsten Tag abholen würde. Von einer Telefonzelle in Sichtweite des Fundes wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Ein Freund wurde vom Sofa aufgescheucht und ein Wagen organisiert, um das Möbel nach Hause zu transportieren. Etwas aufgearbeitet stand es in unserer Diele bis zum Tod meiner Mutter 2009. Es war zu keinem Zeitpunkt eine Option für mich, dieses Vertiko abzugeben als ich ihre Wohnung auflösen musste. Nun bewahrt es in meinem Atelier meine Maschinen für mich auf und alles, was ich nicht immer griffbereit haben muss.

 

An einem anderen Tag standen vor dem Fairkauf im 2. Stock zwei hölzerne Drehstühle auf Rollen wie für mich bestellt und bestens geeignet, um schnell und wendig unterwegs zu sein bei Arbeiten im Sitzen. Einen großen Arbeitstisch habe ich gezimmert, der die Holzteile der großen Linde zum Trocknen unter sich beherbergt, die im Winter vom Sturm niedergestreckt worden war. So ist das Atelier nach und nach gewachsen und hat ein Gesicht bekommen. 

 

Da ich zwei Monate länger auf die Fertigstellung des Raumes warten musste als geplant, war zunächst die Luft raus. Ich hatte das Gefühl, mich erstmal einleben und ausbreiten zu müssen. Um mich einzustimmen mäanderte ich anfangs zwischen einem kleinen Ölbild und zwei wunderschönen großen Holzteilen hin und her. Der Wechsel zwischen der groben Arbeit mit Knüpfel und Beitel und dem Malen mit feinen Pinseln fühlte sich wunderbar an. Ich genoss die Freiheit, Dinge anfangen und stehen lassen zu können. Es war, als würde das Entrinden des Holzes auch in mir Krusten lösen, unter denen ein ganz anderes Bedürfnis sichtbar wurde – große Bilder malen zu wollen. 

Sylvester begann ich mit dem roten Acrylbild, von dem ich eine grobe Vorstellung hatte. Sobald ich größere Pinsel in die Hand nehme, geht es bei mir um Licht, um Verläufe, um Streben und Erlösung. Die erste Version des roten Bildes war in wenigen Wochen fertig. Währenddessen blitzte in mir schon die Vision für das blaue Bild auf, das mir in den Wochen danach alles abverlangte. Während ich mich von beiden Seiten vom Dunklen zum Hellen bewegte, musste ich durch einige emotionale Hochs und Tiefs. Eine ganze Gefühlspalette zeigte sich und überraschte mich unter anderem mit Ungeduld oder Herzrasen, Spannungsgefühlen, Stress, ja sogar mit Wut. Es hat offensichtlich ganz tiefe Ebenen in mir zum Schwingen gebracht, die sich nach Harmonie sehnten. Oft saß ich tagelang an kleinen Stellen, um das Strahlende und Gleißende hinzubekommen, bevor ich irgendwann mit dem Ergebnis zufrieden war. Es ist ein ganz bestimmtes Gefühl, das sich einstellt, eine befreiende Gewissheit, ein besänftigendes Erfüllt Sein, wenn kein Pinselstrich mehr fehlt. Ruhe breitet sich dann in mir aus und Zufriedenheit.

 

Als beide Bilder nebeneinanderstanden wusste ich, was mich an dem roten bereits die ganze Zeit gestört hatte und übermalte es komplett. Das zog sich hin bis Mai. Es wollte einfach nicht gelingen. Ein Freund gab zu bedenken, dass es vielleicht Sommer werden müsste, damit rot gelänge. Ich hatte eine ganz bestimmte Vision von dem Lichtkreis. Es sollte wie eine Lichtquelle aussehen, die so anziehend ist, dass man sich auf sie zubewegen möchte. Letztlich ist es nach dem grünen Bild erst fertig geworden. Es brauchte sehr viel Geduld und Behutsamkeit und war eine schwere Geburt. 

 

Bei dem grünen Bild dachte ich anfangs, dass ich nun schon wüsste, worum es geht, aber jedes Bild hat sein Eigenleben und seine eigenen Hürden, die es mir stellt. Jedes Mal ist es ein neuer individueller äußerer und innerer Prozess, durch den ich gehen muss. Hierbei war der große Ausschnitt des Lichtes die Herausforderung, der breite Verlauf hin zum reinen Weiß.

 

Der Wunsch nach einer eigenen Homepage war von Anfang an sehr groß. Da es jedoch eine Arbeit ist, die mir nicht so sehr liegt, schob ich es ein wenig vor mir her. Es ließ mir schließlich keine Ruhe, hatte ich doch all die Monate damit zugebracht, meine kreativen Äußerungen zusammenzutragen, zu ordnen und zu fotografieren. Wofür, wenn nicht, um sie auch zu zeigen? Anfang Januar kniete ich mich für zwei sehr mühsame Wochen in die Materie der Website-Gestaltung, häufig mit mehr Frust als Freude und vielen Fragezeichen, die über meinem Kopf tanzten. Doch Dank Jimdo habe ich es geschafft und konnte am 15. Januar 2018 mein Ergebnis online präsentieren. Das war ein sehr besonderes Gefühl, denn bis zu diesem Zeitpunkt war das Atelier etwas im Verborgenen gewesen, was nur wenige Menschen wussten. Jetzt war es offiziell und ich mit meinem Atelier und meiner Kunst in der Welt. Hui.

 

Ebenfalls im Januar entdeckte ich die Tuschestifte für mich und begann Mandalas zu zeichnen. Es war, als ob das grobe Arbeiten mit Holz, das Ausleben mit den großen Pinseln und die Gehirnakrobatik mit dem Gestalten der Homepage, das Kleine und Feine in mir wieder zu neuem Leben erweckte. Die fließenden Linien sind wirklich meins. Jahrelang habe ich ihnen auf Seidenbildern und in Buntstiftzeichnungen freien Lauf gelassen. Ich liebe es, wenn das Medium fähig ist, mir scheinbar endlos zu folgen, um meine Linien entstehen zu lassen. Mit dem Pinsel geht das nicht. Mit dem Buntstift nur bedingt, da die Linie immer breiter wird, je länger ich sie zeichne. Sie nun mit dem Tuschestift zu zeichnen und mit Buntstift auszumalen, gibt den Bildern eine ganz andere Dynamik und eine sehr große Klarheit, weil sie in ihrer Feinheit an jeder Stelle gleich ist, egal, wie lang die Linie ist oder wie viele Schwünge sie hat. Das fühlt sich sehr befriedigend an. Die Zufriedenheit stellt sich in dem Moment ein, wo mir die Form gelingt und nicht erst wenn das komplette Bild fertig ist, wie beim Malen mit dem Pinsel beschrieben.

Nach einigen Mandalas kamen dann plötzlich die ersten Gitterformen. Mein Mann sagte, sie sähen aus wie kleine schöne Teppiche und so sind die Fransen hinzugekommen. Die kleinen fliegenden Teppiche sprudeln seitdem aus mir heraus und bereiten mir große Freude. Meiner gestalterischen Freiheit sind keine Grenzen gesetzt und doch stelle ich immer wieder fest, dass ich ganz unbewusst kleinen selbst auferlegten Gesetzmäßigkeiten folge, die ich zu einem späteren Zeitpunkt plötzlich umstürze. Das sind die Momente, in denen wieder etwas Neues entsteht.

 

So hat das Grobe das Feine wieder hervorgelockt. Das eine wäre ohne das andere nicht möglich gewesen. In den letzten Jahren, bevor ich 2015 mein Leben geändert habe, war der kreative Schwung mehr und mehr in mir zum Stehen gekommen. Die Freiheit und die Zeit zu haben, mich jetzt im Äußeren zwischen den verschiedenen Medien und Materialien bewegen zu können bringt auch in meinem Inneren vieles in Bewegung und sorgt dafür, dass meine kreative Quelle wieder ungehindert sprudeln kann.

 

Bis zum nächsten Mal,

herzlichst,

 

Petra Froese

P.S. Ich freue mich über Dein Feedback unter Kommentare ganz unten. Falls Dir der Beitrag gefällt, wäre es schön, wenn Du ihn mit anderen teilst.

Möchtest Du über neue Beiträge informiert werden, dann klicke im Menü auf Anmelden und registriere Dich mit Deiner Email-Adresse.

Wenn Du neugierig geworden bist, kannst Du Dir auf www.petrafroese.de mein Portfolio anschauen. Klicke dazu im Menü auf Kontakt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Micky (Montag, 18 Juni 2018 12:37)

    Es ist nicht nur die Kreativität die aus dir fließt , auch wie du sie in Worte fasst , ist sehr berührend.