4 - Was ich denke, dass ich sollte und was in Wirklichkeit geschehen will

 

Es ist ein eigenartiges Muster, das mich in zuverlässiger Regelmäßigkeit heimsucht, sich heimlich still und leise in meine Gedanken schleicht, wie eine Stimme, die mir einflüstert, ich sollte etwas anderes tun als das, womit ich mich gerade beschäftige oder ich sollte mehr tun als das, was ich bereits leiste. Vielleicht kennst Du das auch. Wenn ich z. B. male und völlig in den Prozess eingetaucht bin, gibt es stets noch eine andere Ebene, auf der ‚ich‘ denke, ich sollte z.B. mit Holz arbeiten, jetzt, da sich die Möglichkeit bietet durch das Atelier. Offensichtlich verspüre ich jedoch die Lust zu malen. Die Ideen kommen schemenhaft zu mir und wollen raus. Kreativität lässt sich nicht planen. Ich weiß nie, was als nächstes kommt. Wenn ich mir etwas vornehme, sozusagen verordne, ist da oft keine Musik drin. Dann gibt es Tage, an denen ich einfach etwas beginne und es wird der große Wurf. Für meine Holzvorräte habe ich durchaus auch Ideen und Visionen, wozu ich jedoch greife, zu Pinsel oder Säge, darauf habe ich nur bedingt einen Einfluss.

 

Im April machten wir Urlaub in Thailand. Kurz vor der Reise war ich mit dem Acrylbild ‚Zum Licht Rot Schwester‘ fertig und da die Stimme schon eine Weile drängelte und allmählich eine Unruhe entstehen ließ, räumte ich alle Malsachen weg, bereitete meinen Bock und mein Werkzeug vor, um nach dem Urlaub mit Holz weiterarbeiten zu können. Während der Reise zeigte sich jedoch vor meinem inneren Auge bereits ein nächstes Bild aus Acryl, diesmal in Gelb. Inspiriert durch das Meer, die Farben und das Licht sogar noch ein weiteres in einer ganz anderen Art. Ich fühlte mich ein wenig verwirrt diesbezüglich. Aber ich wollte doch... ich sollte doch... Es fühlte sich beinahe wie ein inneres Verbot an, zu malen, weil ich doch im Atelier gestartet war mit dem Wunsch, Steine und Holz zu bearbeiten. Na und, dachte ich dann, wenn ich nun jahrelang Bilder malen würde bevor ich zum Holz greife, oder niemals zum Holz greifen würde, was soll sein? Niemand schreibt mir etwas vor, ich bin völlig frei und dennoch suchen mich diese Gedanken heim. Das ist schon seltsam.

 

Am letzten Tag der Reise, es war der 26. April, machte ich einen Spaziergang, um kleine Muscheln zu sammeln für ein neues Mandala. Ich wollte es später am Nachmittag bei gutem Licht in dem feinen Sand legen und Fotos machen. Ich musste über einen Felsvorsprung laufen, um auf die andere Seite des Strandes zu gelangen. Dabei rutschte ich auf einem glatten Felsen aus und stürzte nach hinten, um mich, ganz klassisch, vor dem Aufprall auf meinem Hinterteil, auf meine rechte Hand zu stützen (in der linken hielt ich fest umschlossen die kleinen Funde). Ein Geräusch, ein Schmerz, Ärger, Schwindel und Leere im Kopf. Mein Handgelenk war in wenigen Momenten stark angeschwollen, mir war übel und ich war im Schock. Ich bat Passanten, kurz bei mir zu bleiben, bis ich wieder in der Lage sein würde, zurückzulaufen. Kurz darauf versorgte mich mein erschrockener Mann Markus mit Emergency Essence Tropfen, Arnica Globuli und einem riesengroßen Eisbeutel.

 

Ich lag unter dem wunderschönen archaischen hohen Baum auf meiner Liege, während ein Streifenhörnchen durch die filigranen Äste sprang und beobachtete diesen inneren Zustand des abrupten Stillstands. Alle Geräusche um mich herum schienen plötzlich gedämpft zu sein. Es brauchte eine ganze Weile, bevor ich wieder einigermaßen klar im Kopf war. Warum ist das passiert, fragte ich mich? Ich war doch gerade bei dem, was ich am liebsten mache, Material sammeln, mir überlegen, was ich daraus fertigen werde etc. Warum jetzt?  Einer der ersten Gedanken, die mich durchzog war: Sägen und hämmern kann ich jetzt nicht! Daraufhin entspannte sich etwas in mir. Seltsam. Sollte es wirklich so sein, dass ich diesen Sturz brauchte, um mir zu zeigen, wie streng ich immer noch mit mir selbst bin? Konnte ich mir tatsächlich nicht anders erlauben, das zu tun, wozu ich Lust habe? Brauchte ich einen äußeren Grund als Entschuldigung? Ein Teil von mir hatte Panik, das Handgelenk könnte gebrochen sein, ein anderer wünschte es sich sogar. Eigentlich wusste ich sofort nach dem Sturz, dass es gebrochen war, wollte es mir jedoch nicht eingestehen.

 

Es vergingen fünf Tage, Rückreise, Wochenende, Feiertag, bis ich beim Orthopäden vorsprechen konnte. Dank der thailändischen Heilpaste und ständiger Eispackungen war die Hand recht schnell ziemlich abgeschwollen. Er sagte, es sei nicht gebrochen, ‚nur‘ stark geprellt, überstreckt und die Bänder überdehnt. Okay, dachte ich, wenn es nicht gebrochen ist, kann ich alles machen, auch wenn es schmerzt. Ich kramte mit links alle Malsachen wieder raus und begann mit fest bandagierter Hand das gelbe Acrylbild. Nach einer Stunde musste ich vor den Schmerzen kapitulieren.

 

Drei Wochen konnte ich gar nichts machen, d.h. ich lernte, meine schwache linke Hand zu gebrauchen, mit der ich inzwischen außer schreiben und malen alles kann, was ich sonst ausschließlich mit rechts erledigt habe. Sogar Tischtennis spielen! Es fühlt sich gut an, diese Belastung nun gleichmäßiger zu verteilen. Bandagiert und gepolstert schrieb ich den zweiten Blog-Beitrag und machte mit den kleinen Tusche-Buntstift-Zeichnungen weiter. Es entstanden noch einige der fliegenden Teppiche, von denen ich beim letzten Mal berichtet habe und etliche individuell gestaltete Bilder und Karten für liebe Menschen. Ich genoss die Zeit dieses kleinformatigen kreativen Schwungs. 

 

Nach 6 Wochen ohne veränderte Schmerzintensität bestätigte eine Handchirurgin per MRT mein Gefühl, glatter Durchbruch des Radius, der zum Glück dabei war, gut zusammenzuwachsen. Ich hielt mich nicht damit auf, mich über die erste Diagnose zu ärgern, denn ich bin davon überzeugt, dass nichts ohne Grund geschieht. War ich mir doch schon auf die Schliche gekommen, wozu diese Lektion noch einmal wichtig gewesen war. Ich hatte mir entspannt die Zeit nehmen können zum Zeichnen in dem Bewusstsein, dass nichts anderes möglich war und nun war ich dabei mich der sehr aufwändigen Gestaltung meines Blogs zu widmen. Seit Fertigstellung der Homepage trug ich diesen Wunsch in mir. Die vielen ‚Ich sollte erstmal...‘ ließen es mich jedoch immer wieder aufschieben. Sehr spannende Wochen waren das, volle, lange Tage am Schreibtisch, angespornt durch jeden kleinen Etappensieg im Begreifen des Baukastens lag ich manchmal nachts im Bett und konnte nicht einschlafen vor lauter Energie. Ein aufregendes Projekt und ein zufriedenstellendes Ergebnis, wie die vielen positiven Feedbacks mir bestätigt haben. Tausend Dank dafür an dieser Stelle!

 

Zwischendurch halte ich inne, schaue zurück und stelle fest, seit Januar wächst das Selbstvertrauen. Wo geht es hin, frage ich mich? Ich weiß nicht, doch es fühlt sich richtig an. Immer mehr kommt zum Vorschein, Ideen sprudeln und warten auf ihre Umsetzung. Klar gibt es auch Zweifel, die mir dann von außen durch das Verhalten anderer mir gegenüber gespiegelt werden. Oder an Tagen, an denen ich viel gemacht habe, ohne abends ein sichtbares Produkt vorweisen zu können, z.B. Datensicherung auf dem Computer, gedankliche Konzepte, die Zeit beansprucht haben und sich nur in ein paar Stichworten niederschlagen. Dann verbinde ich mich wieder mit diesem Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein und spüre, dass es gar nichts mit der zu tun hat, die ich wirklich bin und lasse es los. Ich arbeite viel mehr als früher in meinem Job, empfinde es jedoch nicht so. Es fühlt sich im Gegenteil gar nicht an wie Arbeit. Volle Tage, erfüllende Tage, das ist so schön und macht so viel Spaß. Auch wenn es mich finanziell noch nicht trägt, ich bleibe zuversichtlich und vertraue.

 

Am 12. Juli, elf Wochen nach dem Sturz, habe ich die Arbeit an dem gelben Acryl-Bild wieder aufgenommen. Ein völlig neues Erleben breitet sich in mir aus, während auch bei diesem Bild wieder ganz eigene Herausforderungen auf mich warten, z. B. decken die gelben Pigmente nicht so stark wie die anderen Farben. Ich male, lasse trocknen, male, warte, habe plötzlich mehr Geduld und Gelassenheit. Kein ‚Ich sollte ...‘ ist da mehr. Wenn ich ins Atelier komme und das Holz rieche, umhüllt es mich wie ein nährender verheißungsvoller Duft, der nicht drängt und nicht fordert, sondern die Gewissheit verströmt, dass er da ist und mich inspiriert. Meine Gedanken gehen auch jetzt beim Malen noch zum Holz, wenn ich zum Beispiel warte, weil die Farben trocknen müssen. Es handelt sich dann eher um gedanklich vorbereitende Arbeitsschritte, wie ich bestimmte Ideen umsetzen könnte, ganz frei und leicht.

 

Am 3. Juli hat eine bemerkenswerte Frau aus der Familie des Schwagers meines Mannes, Franziska ist ihr Name, den langen Kampf gegen ihre schwere Krankheit verloren, vier Tage nach ihrem 57. Geburtstag. Das berührt mich sehr und macht mich sehr traurig.

 

Die Tatsache, dass ich auch 57 Jahre alt bin aktiviert Gedankenprozesse in mir, die ich geschehen lasse, um sie zu betrachten und die ich nun mit Euch teilen möchte.

 

Wäre ich vier Tage nach meinem 57. Geburtstag gestorben würde das bedeuten, dass ich am heutigen Tag (22. Juli) schon 8 Monate und 30 Tage nicht mehr auf dieser Erde wäre. Das würde weiter bedeuten, es gäbe das Atelier nicht, nicht die 3 wunderschönen großen Acrylbilder und das kleine Ölbild, nicht die 10 Tusche-Buntstift Mandalas und 14 Fliegenden Teppiche. Es gäbe weder die 33 individuell gestalteten Karten und Bilder, mit denen ich ebenso vielen Menschen eine Freude bereitet habe, noch die 3 fertigen Themen-Bilder und 18 Entwürfe. Auch gäbe es nicht die Weltkugel 2018 und meine wunderschönen Visitenkarten. Der große hohle Baumkranz wäre nicht entrindet und entkernt und läge auf dem Müll. Im Keller würden nicht 2 große Baumscheiben zum Trocknen liegen, die mein Mann und ich abgesägt haben, damit ich daraus später Tischplatten fertigen kann. Sie wären mit dem Rest des Baumstumpfes auf dem Kompost der Stadt gelandet. Die Atelier-Homepage gäbe es nicht mit allen Texten und Bildern und den Übersetzungen in Englisch und Spanisch und nicht die Blog-Seite mit den 4 Beiträgen. 

 

Wie wichtig es doch ist, manchmal die Perspektive zu wechseln und das Gegebene mit anderen Augen zu betrachten. Dabei habe ich jetzt bewusst nur das wirklich Greifbare aufgezählt, das Sichtbare, das ich geschaffen habe in der Zeit. 

 

Tiefe Dankbarkeit empfinde ich, wenn ich auf die geschenkte Zeit schaue. Es soll mir Mahnung sein, noch geduldiger und gnädiger mit mir zu sein, wenn ich wieder einmal denke, ich sollte dies tun oder das, statt zu fühlen, was geschehen möchte oder wenn ich wieder denke, es sei nicht genug. Ich bin noch da. Ich kann entscheiden und meine Intuition ist immer richtig, wie ich an den Ergebnissen ablesen kann. Wenn ich wieder einmal schwanke, welchen Weg ich einschlagen soll, dann denke ich an Franziska und verbinde mich dankbar wieder mit meiner inneren Weisheit, die mich so sicher führt.

 

Danke fürs Lesen.

Danke fürs Teilen.

 

Bis zum nächsten Mal,

herzlichst,

 

Petra Froese

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Kommentare: 2
  • #1

    Petra (Montag, 23 Juli 2018 09:56)

    Ich hatte mich in letzter Zeit schon ab und zu gefragt, wann es wieder etwas von dir zu lesen geben würde. Und ich freue mich nun, deine Zeilen vor mir zu haben. Sie machen mir Mut. Geht es mir doch oft sehr ähnlich. Ich bin streng mit mir und denke, diese oder jenes müsste unbedingt doch jetzt endlich gemacht werden, aber ich verspüre nicht wirklich den Drang dazu. Eine innere Stimme schimpft und tadelt ... und das schlechte Gewissen regt sich, bis ich wieder zu mir komme und mir sage: Warte! Und dann gibt es wirklich die Momente, in denen die Inspiration mir etwas in die Feder diktiert und mein Projekt einen Schritt voran bringt. Genauso geht es mir mit dem, was ich von dir lesen durfte. Es bringt mich wieder einen Schritt weiter.
    Danke!

  • #2

    Vera (Montag, 30 Juli 2018 13:06)

    Du sprichst mir aus der Seele!
    Ich liebe deinen Umgang mit Farben!!!
    Danke